Klimaschutz: Warum tun wir nicht genug? – Psychologinnen antworten – Nachrichten aus Kempten

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Psychologen der „Psychologists for Future“ unterstützen Fridays for Future bei ihrem Kampf gegen den Klimawandel und erklären, warum Politiker oft nicht genug tun und warum jeder Einzelne seine Verantwortung nicht wahrnimmt. Hemmende Faktoren sind unter anderem die emotionale Distanz, das Phänomen des „Confirmation Bias“, das Konzept unumkehrbarer Kosten, der Schutzmechanismus der „Optimistischen Verzerrung“ und ein hormonelles Belohnungssystem, das auf Gegenwärtiges reagiert. Um die Psyche des Einzelnen zu beeinflussen, muss die Kommunikation optimiert werden und es sollen positive Zukunftsbilder und Vorbilder gezeigt werden. Es ist wichtig, gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen anzupassen, um individuelle Bemühungen zu unterstützen. Verbündete zu suchen und aktiv zu sein, hilft gegen Angst, Wut und Verbitterung.

Eigentlich wissen wir es ja. Dass es den Klimawandel gibt. Und was uns und unsere Nachkommen erwartet, wenn wir nicht massiv gegensteuern. Trotzdem wird bislang nicht genug getan, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, teilte etwa der Weltklimarat im März mit. Warum tut die Politik nicht genug? Warum jeder Einzelne nicht? Das Fachwissen für diese Antwort haben die Mitglieder der „Psychologists for Future“ – Psychologinnen und Psychologen, die Fridays for Future in ihrem Kampf für mehr Klimaschutz unterstützen. Die nächstgelegene Regionalgruppe stammte bisher aus Ulm. Die Mitglieder haben jüngst auch in Kempten einen Vortrag gehalten. Sie erklären, was den Wandel bremst. Was hemmt die Politik, konsequent Klimaschutz zu betreiben? Psychologinnen von „Psychologists for Future“ erklären es „Politiker sind Individuen – auf sie wirken die gleichen Mechanismen wie auf jeden Menschen. Manche aber besonders“, sagt Psychologin Bettina Schmidt-Burst. So hemme beispielsweise Emotionale Distanz, aktiv zu werden: Die Klimakrise ist in Deutschland noch nicht extrem zu spüren, so lassen sich nötige Veränderungen leichter aufschieben. Hinzu käme die zeitliche Dimension des Klimawandels, der weit über einzelne Wahlperioden hinausreicht. Kombiniert mit der Angst vor Machtverlust könne auch das Verantwortliche in der Politik von kritischen Entscheidungen abhalten. Bettina Schmidt-Burst, Psychologists for Future Bild: Sandra Schmidbaur Auch das Phänomen des „Confirmation Bias“ wirke: Menschen suchen nach Informationen, die die eigenen Ansichten bestärken. Auf diese Weise kann man es sich im Status Quo gemütlich machen und muss nichts ändern. Das Konzept Unumkehrbarer Kosten hemme zusätzlich: Wurde bereits investiert – etwa in die Planung eines Straßenausbaus – halte man eher an einem Ziel fest, selbst wenn stärkere Argumente dagegen sprechen. Lesen Sie auch: Wie lässt sich der eigene Alltag nachhaltiger gestalten? Ein Professor gibt Tipps Indem Menschen eigene Beitragsmöglichkeiten zur Lösung leugnen, schieben sie Verantwortung für das Ergebnis ab. „Das unterbindet nötiges Handeln und führt etwa zu kosmetischen Scheinlösungen.“ Psychotherapeutin Stefanie Gall hält für entscheidend, dass die meisten Verantwortungsträger keine konkrete Idee einer alternativen Zukunft haben. Forderungen nach Klimaschutz klingen für sie wie Kapitalismuskritik und lösen Ängste aus. „Wir sind in einer Übergangsphase.“

Psychologie: Das hält jeden einzelnen ab, besser auf das Klima Rücksicht zu nehmen

Das hormonelle Belohnungssystem reagiert auf Gegenwärtiges – gleichzeitig haben wir es mit einer komplexen Krise zu tun und es herrscht viel Unwissen, sagt Schmidt-Burst. Da brauche es viel Motivation sowie reichlich zeitliche und kognitive Ressourcen, um klimagerecht zu leben. Gleichzeitig mindere die Komplexität der Krise das Gefühl der Selbstwirksamkeit und Handlungskontrolle. Das Ergebnis: Sätze wie „Was bringt es, wenn nur ich mein Verhalten ändere?“ „Wir sind soziale Wesen und von Vergleichen beeinflusst – von der Norm abzuweichen, ist für uns aufwändig“, sagt Schmidt-Burst: „Es fühlt sich für viele nicht gut an, auf der Party der Einzige mit veganem Würstchen zu sein. Das spielt eine große Rolle und erfordert eine dicke Haut und einen starken moralischen Kompass.“ Lesen Sie auch: Kein Fleisch – auch keine Lösung? Das sagt ein Experte über nachhaltige Ernährung Hedonistische Werte mit Schwerpunkt auf Genuss – etwa Reisen und Essen – sowie Reichtum stehen klimagerechtem Verhalten oft entgegen. Ebenso unsere Gewohnheiten: Es bedeutet Aufwand, zum Beispiel als Familie die zehn Lieblingsgerichte zu überdenken und andere etwa ohne Fleisch zu finden. Ähnlich sei es beim Thema Mobilität.

Lösungsansätze: So können wir unsere Psyche austricksen – und endlich richtig das Klima schützen

Es gibt jede Menge Mechanismen der Psyche, die sinnvolles Verhalten verhindern – auch was den Klimaschutz angeht. Menschen sind dem aber nicht ausgeliefert, sagen die Psychologinnen Bettina Schmidt-Burst und Stefanie Gall von „Psychologists for Future“. Sie verraten, was sich ändern muss. Demnach gibt es unter Menschen zwei Gruppen: Die einen lassen sich vor allem zu Handlungen motivieren, wenn sie dadurch Unheil abwenden. Die anderen brauchen positive Anreize, um aktiv zu werden. Um die erste Gruppe zu motivieren, das Klima zu schützen, sei Aufklärung über drohende Entwicklungen nötig. Und zwar nicht nur auf Fakten-, sondern auch auf emotionaler Ebene. Wirksamer sei es nämlich, zusätzlich zu fragen: Wie geht es mir denn an Hitzetagen? Soll das in Zukunft häufiger so sein? Der Gruppe, die Anreize benötigt, helfe es, positive Zukunftsbilder zu erschaffen: Wie soll meine Stadt 2040 konkret aussehen? Grüner? Mit weniger Autos? Dabei helfe es, Positiv-Beispiele und Vorbilder zu zeigen. Im Bereich Stadtplanung und Verkehrsplanung könnten etwa Paris und Amsterdam dienen, sagt Gall. Lesen Sie hier: Dr. Bike: Weitnauer Hausarzt besucht Patienten per Lastenrad Insgesamt gehe es darum, bei Klimaschutzmaßnahmen die Kommunikation zu optimieren. „Wir werden um Einschränkungen nicht umhin kommen – dadurch gewinnen wir aber auch. Und das müssen wir auch benennen.“ Die öffentliche Erzählung dürfe nicht beim Verbot stehenbleiben, sondern müsse die Vorteile beschreiben. Auch etwa Rauchverbot und Gurtpflicht seien heute akzeptiert. Als großen Hebel sehen die Psychologinnen soziale Normen an. Das, was als üblich angesehen wird, ändere sich derzeit. Untersuchungen hätten gezeigt, dass ein Hauptgrund für die Entscheidung für Photovoltaik darin liegt, dass es solche Anlagen auch in der Nachbarschaft gibt. Schmidt-Burst zufolge sei es aber wichtig, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anzupassen – denn sie limitieren individuelle Bemühungen: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen System.“ Wer angesichts ausbleibender Veränderungen den Mut zu verlieren droht, dem rät sie, sich Verbündete zu suchen. „Aktiv zu sein, hilft gegen Angst, Wut und Verbitterung.“ Mit Blick auf Fridays for Future einerseits und der Letzten Generation andererseits sagt sie: „Es ist logisch, dass sich die Form der Aktionen verändert, wenn breiter Protest nichts ändert.“ Rücke die Krise näher, würden die Forderungen der Bevölkerung lauter. „Das wird zunehmen.“ Lesen Sie auch: Polizei schreibt Klima-Klebern im Allgäu Rechnungen fürs Wegtragen

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